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Ein Luther für die Schäferwagen-Herberge aus Weißrussland

Tief beeindruckt vom Erlebten

Kirchengemeinde Villingen-NonnenrothEin Luther für die Schäferwagen-HerbergeEin Luther für die Schäferwagen-Herberge

„Viel Schönes und viel Trauriges“ erlebten die elf Begleiter und Begleiterinnen des Hilfstransports nach Weißrussland, der in diesen Tagen erneut in die Region um Brest führte. Wie Pfarrer Hartmut Lemp berichtet, organisiert die Kirchengemeinde Villingen/Nonnenroth diese Hilfstransporte seit nunmehr 27 Jahren.

Die Außengrenze der EU ist von beiden Seiten eine Festung. Sie zu überwinden als Gruppe mit zwei VW-Bussen ist immer noch ein Abenteuer. In der Regel dauert es, wenn alles glatt läuft, fünf bis sechs Stunden. Da der Hilfstransport angemeldet ist, werden die Teilnehmenden von der Partnerorganisation ‚Fonda Mira‘ abgeholt und begleitet und dürfen auf der belorussischen Seite den Diplomatenübergang nutzen. Dennoch dauert es drei Stunden, bis alle Grenzformalitäten erledigt sind. Nach insgesamt 20 Stunden Fahrzeit kommt die Gruppe müde und erfüllt in Brest an. Die Stadt ist an allen Ecken und Enden geschmückt, sie feiert in diesem Jahr ihr 1000jähriges Bestehen.

Besuch in der Geburtsklinik

Fester Bestandteil der Hilfe ist seit vielen Jahren der Besuch in der Brester Geburtsklinik. In diesem Jahr wurden hier bereits 5136 Kinder geboren. Das allerdings sind 700 weniger als zum gleichen Datum im Vorjahr. Auch in Belarus macht sich ein Demographieproblem bemerkbar. Die Partnerschaft mit der Geburtsklinik ist sehr erfolgreich. Beim ersten Besuch vor über zwei  Jahrzehnten waren es unvorstellbare Mängel, die die Besucher aus dem Westen mit ansehen mussten. Inzwischen ist es ein modernes Haus, das sich immer mehr westlichem Standard annähert.  In diesem Jahr hat man, auf Wunsch des Hauses,  Bilirubin-Messgeräte und augendiagnostische Apparaturen für Neugeborene dabei. Dies geschieht in Absprache mit den Ärztinnen, die selber diese Geräte im Internet nicht bestellen können.

Werner Leipold, der das ganze Jahr den Kontakt mit den Ärzten hält, hat die wertvollen Geräte in aller Welt zusammengekauft. Bezahlt wurden die wichtigen Diagnosegeräte mit den Erlösen für die Bilder aus den „Licht-Wege“-Ausstellungen. Deshalb sind bei der Übergabe der Geräte auch die „Licht-Wege“-Künstler dabei. In den vergangenen Jahren war das Thema Abtreibung immer ein längeres Gesprächsthema. Über viele Jahre wurden empfängnisverhütende Spiralen gebraucht. Inzwischen sind die Abtreibungszahlen rapide gesunken, möglicherweise wegen der im vergangenen Jahr eingeführten Beratungspflicht. Die Initiativgruppe hat deshalb das Spiralen-Hilfsprojekt eingestellt. Der Direktor der Klinik bedankt sich gemeinsam mit den Ärztinnen für die Hilfe und bittet darum, diesen Dank auch den Menschen in Mittelhessen zu überbringen.

Besuch in den aussterbenden Dörfern

1992 war die Gruppe aus Oberhessen zum ersten Mal in den Dörfern, die durch die Tschernobylkatastophe  besonders stark verstrahlt wurden. Hierher kamen die Kinder, die damals in Privatfamilien in Nonnenroth und Villingen untergebracht wurden. Inzwischen sind die Dörfer Kinder-leer. Alle Familien mit Kindern zogen in den letzen Jahren in die Stadt. Die Häuser verfallen teilweise, in den noch bewohnten Häusern leben fast ausschließlich alte Menschen, die keine Kinder oder Angehörige haben, oder die nicht mit den Familien in die Stadt zogen. Um sie kümmert und sorgt sich Tamara, die seit vielen Jahren die Sozialstation als sogenannte Feldscherin leitet. Nun ist sie offiziell im Ruhestand, könnte aber von ihrer Rente kaum leben. So kümmert sie sich weiterhin um die Menschen, die sonst niemanden haben. Nach wie vor wird sie von den Alten ‚unser Engel‘ genannt und versorgt mit Pflege und Medikamente die Alten in den vergessenen Dörfern unweit der ukrainischen Grenze. Jede Tablette und jedes Stück Verbandsmaterial notiert sie akribisch in einem Heft, damit jedem Gerücht über Korruption der Nährboden entzogen und die Verwendung der Spendenmittel ordentlich nachgewiesen wird. In diesem Jahr berichtet sie, dass ein kleiner Teil der Hilfsgelder für einen Sarg genommen wurde. Oskar, der vor vielen Jahren als Vater eines Tschernobylkindes nach Nonnenroth kam, starb ohne Familienangehörige. „Wir wollten ihn doch christlich begraben und hoffen, ihr seid hoffentlich damit einverstanden“.  Zwei alte Frauen bekommen neben der Medikamentenhilfe auch noch eine Brandhilfe, damit sie im Winter nicht erfrieren.

Als man die VW-Busse auf dem großen Floß am Stahlseil über die Pina zieht, kommen Gedanken auf: Wie lange werden wir hier noch hinfahren? Tamara hofft: noch lange. Beschenkt mit Trockenpilzen und erfüllt mit Dankbarkeit kehrt die Gruppe zurück nach Brest.

Begegnung mit den Künstlern

Der Kunstmarkt in Brest und im Regierungsbezirk (Rayon) liegt am Boden. Gab es vor Jahren noch vereinzelt private Galerien, sind diese inzwischen geschlossen. Die einzige Galerie in der Stadtmitte dümpelt vor sich hin. Gleichzeitig ist die Kreativität der Künstler atemberaubend. In der Kunsthalle werden Skulpturen ausgestellt, die trotz hoher Wertschätzung in Funk und Fernsehen keine Käufer finden. Mit einigen Künstlern sind enge Freundschaften entstanden. Ihnen helfen die Oberhessen, indem sie Auftragsarbeiten verteilen: Vom Künstler Palachitch erbitten sie ‚surreale Pilger‘, die den Lutherwege 1521 in Hessen real abbilden. 13 Stationen hat er gemalt: Beginnend mit dem Pilger, der im Rucksack die Wartburg trägt, bis hin zu dem Wanderer, der die Stiftsruine Bad Hersfeld, die Stadtkirche Grünberg oder die Nonnenröther Kirche im Beutel hat. Man darf gespannt sein auf die Reaktionen, wenn man erstmals alle Stationen nebeneinander hängen sieht. Ein Teil der Arbeiten wird auf dem AG-Kirchentag in Lich am 31. August ausgestellt.

Ein weiterer Besuch gilt den Holzschnitzern. Figuren aus ihren Ateliers, die bereits Nonnenroth und Villingen stehen, sind Belege für ihr Können. Das aktuelle Auftragswerk von Anatoli Turkow ist ein sitzender Luther für die Schäferwagen-Herberge in Nonnenroth. Dort sitzt Bruder Martin seit Kurzem und begrüßt die Gäste. Man kann sich mit ihm ablichten lassen, aber auch die Grundlagen der Reformation aufgetischt bekommen. So hält „Bruder Martin“ in seiner linken Hand die Bibel, mit der Aufschrift „Sola gratia – Sola fide – Sola scriptura“ und das Christusmonogramm. Die rechte Hand hält er, ganz energisch protestantisch, zur Faust geballt.

Besuch bei den Freunden von Brestschanka

Eigentlich ist der Besuch bei den Freundinnen und Freunden der Folkoregruppe Brestschanka immer mit einem großen Fest verbunden. So herzlich ist die seit Jahrzehnten verbindende Gastfreundschaft. So auch dieses Mal: gedeckte Tische und gegrillte Fleischspieße. Aber diesmal treibt ein „historischer Schatten“ den Deutschen Tränen in die Augen. Leo Feigin, seit Jahrzehnten der künstlerische Leiter der Gruppe und Jude, erzählt von einem Fund, den man vor kurzem am Stadtrand von Brest machte. Entstehen sollte dort ein neues Wohngebiet mit Wohnungen. Beim Ausgraben für die Fundamente fand man in diesem Jahr ein Gräberfeld von 1140 Juden, die 1942/1943 von deutschen Faschisten ermordet wurden. Alle Leichen wurden inzwischen exhumiert und auf einem jüdischen Friedhof in Gemeinschaftssärgen beigesetzt. Er erzählt von einer Mutter, die erschossen wurde und versucht hatte ihr Kind zu retten, indem sie es unter sich verbarg.  Weiterhin berichtet er, dass die jüdische Gemeinde neu im Entstehen ist und eine ehemalige Synagoge (vor dem Zweiten Weltkrieg gab es 42 in Brest) zurückgekauft und ihrer ehemaligen Funktion wieder zugeführt wird.

Die Oberhessen sind dankbar, dass die jüdische Gemeinde ihre Spende  für dieses Projekt angenommen hat. Pfarrer Hartmut Lemp, dessen Vater sich 1941 bis 1943 in und um Brest als Soldat aufgehalten hat, verspricht, in Deutschland weitere Spenden für die neue, alte Synagoge zu sammeln.

Ein Filmteam wundert sich

Alle Aktionen der Oberhessen wurden in Weißrussland von einem Filmteam begleitet. Die Filmleute staunen nicht schlecht, als sie erfahren, dass der älteste Teilnehmer der Gruppe aus Villingen – Kurt Papendorf – bereits seinen 30. (!) Hilfstransport begleitet. Der Filmregisseur ist übrigens gleichzeitig Pressesprecher der russisch-orthodoxen Kirche in Minsk. 

Am Ende überqueren die Hilfstransporteure mit einer Ehren-Urkunde, 55 Ölbildern und einem 120 Kilogramm schweren Luther aus Eiche die Grenze. Dort erleben sie, wie hoch das Vertrauenspotential ist, wenn erkennbar wird, dass diese Hilfsaktion eine Aktion der Evangelischen Kirche aus Deutschland ist.  

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