Wenn Jutta Martini über ihre Arbeit spricht, erzählt sie von Begegnungen: von Gesprächen am Krankenbett, vom Aushalten von Stille, von gewachsenen Beziehungen in der Gemeinde, vom Dasein in Momenten, in denen Worte fehlen – und von gemeinsamen Wegen über Jahre hinweg. Nach vielen Jahren im Dienst der Kirche – in Gemeinden und zuletzt in der Klinikseelsorge in Lich – geht die Pfarrerin nun in den Ruhestand.
Geboren im Taunus, aufgewachsen in einer volkskirchlich geprägten Umgebung, wollte Jutta Martini ursprünglich Lehrerin werden. Sie begann ein Lehramtsstudium für das Gymnasium. Doch die Kirche ließ sie nicht los. Durch ihr Engagement in Gremien, als Synodale und beim Landesjugenddelegiertentag, merkte sie schnell: „Diskurs war immer meins.“ Der Weg ins Pfarramt war damit geebnet.
Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Mainz und einem Spezialvikariat in einer psychiatrischen Einrichtung – eine Erfahrung, die sie „sehr gepackt“ hat – führte sie ihr erster Dienst in die Region: auf die Pfarrstelle Kirchberg I mit Mainzlar und Staufenberg im heutigen Evangelischen Dekanat Gießener Land. 25 Jahre blieb sie dort. Eine große, lebendige Gemeinde mit viel Engagement – und viel Arbeit. „Es war eine sehr schöne Zeit, aber auch anstrengend“, sagt sie rückblickend. Gottesdienste mitten im Dorf, auf Parkplätzen oder Reitplätzen, gemeinsam mit Vereinen und Initiativen: Kirche war für sie immer dort, wo Menschen sind.
Mit einer Ausbildung in Klinischer Seelsorge (KSA) im Gepäck kam 2020 die passende Gelegenheit: eine halbe Stelle in der Klinikseelsorge in der Asklepios Klinik Lich, kombiniert mit einer halben Gemeindestelle in Grüningen. Damit schloss sich für sie ein Kreis: Schon ihr Spezialvikariat hatte sie in die Seelsorge in einem Krankenhaus geführt – die Arbeit in der Klinik wurde nun noch einmal zum prägenden Abschluss ihres Berufslebens.
Doch der Start verlief anders als erwartet. Nur vier Wochen nach ihrem Beginn kam die Corona-Pandemie. Plötzlich waren Begegnungen eingeschränkt, Besuche kaum möglich. „Dabei war die Not groß“, erinnert sich Martini. Viele Gespräche fanden am Telefon statt, Angehörige baten sie, Grüße zu überbringen oder stellvertretend am Krankenbett zu sein.
Die Zeit in der Klinik war geprägt von intensiven Begegnungen – oft einmalig, aber tiefgehend. Krankheit, so beschreibt sie es, bringe Menschen ins Nachdenken: über das Leben, über Beziehungen, über das, was wirklich zählt. Seelsorge bedeutet hier, zuzuhören, zu begleiten, zu vermitteln. „Wir schlichten Streit, stellen Kontakte wieder her, sind einfach da – oft auch in Situationen, in denen Einsamkeit oder lange ungelöste Konflikte sichtbar werden.“ Besonders wichtig sind dabei auch Rituale – etwa die Aussegnung am Sterbebett, mit Kerze, Kreuz und Worten, die tragen. „Das sind dichte Momente, die trösten.“ Zur seelsorgerlichen Arbeit gehört auch die Begleitung von Eltern von sogenannten Sternenkindern – verstorbenen Kindern, für die es in Lich eigene Gedenkfeiern und Beisetzungen gibt.
Neben Gesprächen am Bett gehörte auch die Arbeit im Ethikkomitee der Klinik zu ihren Aufgaben. Fragen nach Behandlungsentscheidungen, Konflikte zwischen Angehörigen und medizinischem Personal – Themen, die sie zunächst nicht erwartet hatte, die sie aber als „hochinteressant“ beschreibt. Auch der Ethik-Unterricht mit angehenden Pflegekräften gehörte zu ihrem Aufgabenfeld. Die Auseinandersetzung mit jungen Menschen aus unterschiedlichen Religionen, Kulturkreisen und auch ohne religiöse Bindung über ethische Fragen habe sie zugleich als Herausforderung und Bereicherung erlebt. Gleichzeitig blieb sie nah an den Menschen: bei Patientinnen und Patienten, bei Angehörigen – und auch beim Klinikpersonal.
Unterstützt wird diese Arbeit von vielen Engagierten, etwa den sogenannten „Grünen Damen und Herren“, einem ehrenamtlichen Besuchsdienst. Sie hören zu, begleiten, erledigen kleine Besorgungen oder helfen, Kontakte herzustellen – auch zur Seelsorge. Bundesweit engagieren sich mehr als 10.000 Ehrenamtliche in diesem Bereich. „Das Zusammenspiel all dieser Dienste zeigt, wie wichtig es ist, dass Menschen füreinander da sind“, sagt Martini.
Auch die ökumenische Zusammenarbeit war ihr wichtig. Gemeinsam mit ihrer katholischen Kollegin Michaela Ziegler gestaltete sie die Klinikseelsorge in Lich. Gottesdienste aus der Kapelle sowie fortlaufende Informationen, Gebete und jahreszeitliche Texte werden auf Displays am Krankenbett in die Zimmer übertragen – ein Zeichen dafür, dass Kirche auch dort präsent ist, wo Menschen nicht mehr selbst kommen können.
Gleichzeitig blieb Martini immer Gemeindepfarrerin. Die Arbeit in Grüningen, die sie parallel ausübte, sei ein wichtiger Schwerpunkt gewesen. „Ich bin mit Leib und Seele Gemeindepfarrerin“, sagt sie. Beziehungen wachsen sehen, Menschen über längere Zeit begleiten – das hätte ihr gefehlt, hätte sie ausschließlich in der Klinik gearbeitet. In Grüningen traf sie auf eine engagierte, selbstständige Gemeinde – und auf eine Kirche, die sie sofort begeisterte. Inzwischen werden Besuchsdienst und Gottesdienstkreis mit Blick auf ihre Verabschiedung neu aufgebaut, dazu kommen Kinder-, Bibel- und Seniorengruppen – und viel Zusammenhalt.
Wenn sie auf ihr Berufsleben zurückblickt, zeigt sich ein roter Faden: die Nähe zu den Menschen. Ob in der Gemeinde, wo Beziehungen über Jahre wachsen, oder in der Klinik, wo Begegnungen oft nur kurz sind und doch tragen – es ging ihr immer darum, da zu sein, zuzuhören und Halt zu geben. Gerade in Zeiten, in denen viele Menschen unter Druck stehen, Orientierung suchen oder sich allein fühlen, bekommen solche Momente ein besonderes Gewicht. Dabei gehörte auch die Fähigkeit zur Abgrenzung zu ihrem Alltag. Nicht alles mit nach Hause zu nehmen, sei wichtig – und gelinge ihr meist gut, sagt sie.
Nun beginnt für sie ein neuer Lebensabschnitt. Ab dem 1. August 2026 ist sie offiziell im Ruhestand. Zunächst freut sie sich auf Zeit – für ihren Garten, für Bücher, für Zweisamkeit mit ihrem Mann und für ihre beiden Berner Sennenhunde. „Einfach mal nachholen, was zu kurz gekommen ist.“
Ganz loslassen wird sie aber wohl nicht. Denn wer einmal so gearbeitet hat, bleibt verbunden – mit den Menschen, mit der Kirche, mit der Aufgabe.
Verabschiedung
Am 1. August 2026 tritt Pfarrerin Jutta Martini in den Ruhestand. Die offizielle Entpflichtung und Verabschiedung findet im Rahmen eines Gottesdienstes am 31. Mai 2026 um 14 Uhr in der Kirche zu Grüningen statt. Im Anschluss lädt die Kirchengemeinde zu einer kleinen Feier mit Kaffee und Kuchen in die Limeshalle (Schulstraße 3, 35415 Pohlheim-Grüningen) ein.