Wie klingt das Gesangbuch der Zukunft? Kirchen- und Schulgemeinde im Dekanat Gießener Land erproben das neue Evangelische Gesangbuch

veröffentlicht 22.06.2026, Evangelisches Dekanat Gießener Land

Wie klingt das Evangelische Gesangbuch der Zukunft? Dieser Frage sind die Evangelische Kirchengemeinde Laubach und die Theo-Koch-Schule in Grünberg in den vergangenen Monaten nachgegangen. Als Teil einer bundesweiten Erprobungsphase gehörten sie zu den rund 550 Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen in Deutschland und Österreich, die den Erprobungsband des neuen Evangelischen Gesangbuchs testen konnten.

Aus Oberhessen waren darüber hinaus auch die Kirchengemeinde Pohlheim im Evangelischen Dekanat Gießen sowie die Kirchengemeinde Lauterbach im Evangelischen Dekanat Vogelsberg an der Erprobung beteiligt. Seit November 2025 wurde mit dem sogenannten Erprobungsband in Chören, Gottesdiensten, Schulandachten und im Religionsunterricht gearbeitet. 

„Wir konnten uns für die Testphase bewerben, und die Landeskirchen haben anschließend die Gemeinden ausgewählt. Dass Laubach dabei war, hat uns sehr gefreut“, berichtet Dekanatskantorin Anja Martiné, die den Erprobungsprozess vor Ort begleitet hat.

Gemeinsam mit ihren Chören für junge Erwachsene und Erwachsene testete sie die neuen Lieder während der Chorproben. Darüber hinaus wurde das Material bei einem offenen Singen im Gemeindehaus sowie in Gottesdiensten eingesetzt.

Besonders spannend fand Martiné den ungewohnten Aufbau des Erprobungsbandes. „Manches war bewusst noch nicht enthalten. Osterlieder gab es zum Beispiel noch nicht. Dafür haben wir viele Abend- und Nachtlieder gesungen und einige davon richtig liebgewonnen“, erzählt sie.

Ein Schwerpunkt des neuen Gesangbuchs liegt auf der stärkeren Verbindung von Liedern, Psalmen und geistlichen Texten. Besonders angetan hat es Martiné die Rubrik „Psalmen“. „Das ist eine tolle Möglichkeit, Psalmen stärker in den Gottesdienst einzubauen. Das gefällt mir sehr.“

Auch an der Theo-Koch-Schule in Grünberg wurde der Erprobungsband intensiv genutzt. Schulpfarrer Norbert Heide zeigte sich erfreut darüber, dass die Schulgemeinde zu den ausgewählten Erprobungsgemeinden gehörte. Getestet wurde das neue Gesangbuch im Religionsunterricht der Jahrgangsstufen 5, 6 und 11 sowie bei Schulandachten im Advent und in der Passionszeit. Die sogenannten „Atempausen“ wurden teilweise von bis zu 300 Schülerinnen und Schülern besucht.

Besonders positiv bewertet Heide die Vielfalt der Lieder sowie die neue Struktur des Gesangbuchs. „Der Aufbau mit seinen farblich unterlegten Kategorien gefällt mir. Lieder und Texte lassen sich dadurch schnell und leicht finden“, sagt er. Auch die Verbindung von Psalmen und passenden Kehrversen hält er für gelungen.

In der gymnasialen Oberstufe arbeiteten die Schülerinnen und Schüler kreativ mit dem Erprobungsband. Sie wählten jeweils zu zweit ein Lied aus und stellten es im Unterricht als sogenannte Lied-Katechese vor. „Die Liedinterpretationen wurden sorgfältig vorbereitet und präsentiert“, berichtet Heide. Während das Singen für die jüngeren Klassen selbstverständlich gewesen sei, hätten sich die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 11 zunächst erst daran gewöhnen müssen. „Aber alle Lieder der Präsentationen wurden auch gesungen.“ Über den Erprobungsband, den die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 11 als Geschenk erhielten, hätten sich alle gefreut.

Das neue Gesangbuch soll sich deutlich von seinen Vorgängern unterscheiden. Zwar enthält es weiterhin viele bekannte Choräle und vertraute Lieder, gleichzeitig kommen zahlreiche neue geistliche Lieder hinzu. Auffällig sind außerdem die moderne Gestaltung, die farbliche Gliederung und die thematische Aufteilung. Das Gesangbuch ist in sechs Themenbereiche gegliedert: „TagesZeit“, „JahresZeit“, „FeierZeit“, „AlleZeit“, „LebensZeit“ und „WeltZeit“. Sie orientieren sich an unterschiedlichen Lebenssituationen und Glaubensthemen.

Vor allem aber verfolgt das neue Gesangbuch einen erweiterten Ansatz: Es soll nicht mehr ausschließlich für den Sonntagsgottesdienst genutzt werden, sondern Menschen im Alltag begleiten. „Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Buch künftig eher auf dem Nachttisch liegt als nur in der Kirchenbank“, sagt Martiné. „Das Neue daran ist, dass Glaube, Gebete und Lieder wieder stärker im Alltag der Menschen verankert werden sollen.“ 

Neben Liedern finden sich deshalb auch Gebete, spirituelle Impulse und kurze Texte für unterschiedliche Lebenssituationen. So enthält das Buch beispielsweise Texte für Menschen, die nachts nicht schlafen können, sowie Nachtgebete und Andachten. Das neue Gesangbuch sei lebensnäher aufgebaut und näher an den Erfahrungen und Bedürfnissen der Menschen.

Geplant ist eine gedruckte Ausgabe mit rund 500 Liedern. Ergänzt werden soll sie durch ein umfangreiches digitales Angebot mit etwa 1.000 weiteren Liedern. Dadurch sollen künftig auch Lieder aus anderen Regionen des deutschsprachigen Protestantismus – etwa aus Österreich oder der Nordkirche – leichter zugänglich werden. Bereits für die Erprobungsphase stand eine App zur Verfügung. Auch für die spätere Ausgabe wird mit digitalen Angeboten gerechnet.

„Die Frage, ob es irgendwann Tablets in den Kirchen geben wird, ist eine spannende Frage“, sagt Martiné mit Blick auf die fortschreitende Digitalisierung kirchlicher Angebote. Denkbar sei, dass Lieder, Gebete und Andachten künftig jederzeit und überall digital verfügbar sind – etwa für spontane Andachten oder gemeinsames Singen unterwegs.

Trotz der digitalen Möglichkeiten sieht Norbert Heide weiterhin einen besonderen Wert in der gedruckten Ausgabe. „Gut finde ich, eine gedruckte Fassung in die Hand zu bekommen“, sagt er. Auch wenn digitale Angebote künftig eine wichtige Rolle spielen werden, wünsche er sich, dass das Gesangbuch als Buch erhalten bleibt.

Die Erfahrungen aus Laubach und Grünberg decken sich mit den bundesweiten Ergebnissen der Erprobungsphase. Mehr als 87 Prozent der Teilnehmenden gaben an, im neuen Gesangbuch Lieder für ihr persönliches Glaubensleben zu finden. Insgesamt beteiligten sich Hunderte Gemeinden in Deutschland und Österreich an dem Test, darunter 44 Gemeinden der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN).

Besonders positiv fiel die Bewertung bei jüngeren Teilnehmenden aus. Ihre Rückmeldungen lagen über dem Durchschnitt aller Befragten. Die Erfahrungen an der Theo-Koch-Schule in Grünberg bestätigen diesen Trend und deuten darauf hin, dass das neue Gesangbuch auch für kommende Generationen attraktiv sein kann.

Das neue Evangelische Gesangbuch wird derzeit auf Grundlage der Rückmeldungen aus den Erprobungsgemeinden weiterentwickelt. Die Veröffentlichung ist nach aktuellem Stand für das Jahr 2029 geplant.

Die Arbeit an der Neuausgabe geht auf einen Beschluss des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) aus dem Jahr 2017 zurück. Seit 2020 entwickelt eine rund 70-köpfige Kommission aus Landeskirchen, Fachverbänden sowie Vertreterinnen und Vertretern aus Österreich das neue Gesangbuch. Für die Liedauswahl wurden rund 17.000 Liedvorschläge gesichtet und bewertet. Anlass für die Neugestaltung sind unter anderem neue Gottesdienstformen, die gewachsene Vielfalt geistlicher Musik, neue Bibelübersetzungen sowie veränderte digitale Erwartungen.

Für Anja Martiné steht schon jetzt fest, was sie an dem Projekt besonders reizt: „Über Lieder ins Gespräch zu kommen und Glaube wieder stärker im Alltag zu leben – das finde ich einen sehr spannenden Gedanken.“

Trotz aller Neuerungen soll das Gesangbuch auch künftig verbinden. Wer in einer anderen Stadt oder Region einen evangelischen Gottesdienst besucht, wird weiterhin vertraute Lieder und Texte finden. So kann das Evangelische Gesangbuch auch in Zukunft ein Stück Heimat vermitteln – über Gemeinde-, Landes- und Ländergrenzen hinweg.