Kirche zeigt Haltung und sucht neue Wege

veröffentlicht 25.03.2026, Evangelisches Dekanat Gießener Land

Die Zukunft der Kirche in der Gesellschaft, konkrete Entscheidungen vor Ort und ein klares gesellschaftliches Signal: Die Dekanatssynode des Evangelischen Dekanats Gießener Land hat bei ihrer jüngsten Tagung in Nieder-Ohmen zentrale Themen beraten und wichtige Beschlüsse gefasst.

Kirchenpräsidentin setzt Impuls zur Zukunft der Kirche

Bereits der Auftakt setzte einen besonderen Akzent: Im Gottesdienst zu Beginn war EKHN-Kirchenpräsidentin Prof. Dr. Christiane Tietz zu Gast. In ihrem Impuls machte sie deutlich, dass die Bedeutung der Kirche nicht von ihrer Größe abhängt, sondern davon, welchen Beitrag sie für die Gesellschaft leistet. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung brauche es Orte für Hoffnung, Gemeinschaft und Zusammenhalt. Kirche könne auch kleiner „kraftvoll“ sein, wenn sie sich auf ihre wesentlichen Aufgaben konzentriere.

Auch Präses Dr. Thilo Schneider hob die Bedeutung dieses Besuchs hervor und würdigte die Synode als gemeinschaftliche Leistung vieler Engagierter. Er dankte den zahlreichen haupt- und ehrenamtlich Mitwirkenden, insbesondere auch der Kirchengemeinde Nieder-Ohmen als Gastgeberin, die die Tagung vorbereitet und ermöglicht hatten, und betonte: „So eine große Veranstaltung läuft nicht von alleine, sondern nur als Team.“

Einstimmige Resolution zu Integrationskursen

Ein deutliches Zeichen setzte die Synode mit einer einstimmig verabschiedeten Resolution zur Zukunft von Integrationskursen. Hintergrund ist eine Entscheidung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF), seit Februar 2026 Menschen den Zugang zu freiwilligen Sprachkursen zu verwehren. Bundesweit sind davon nach Schätzungen rund 130.000 Kursteilnehmende sowie 20.000 Lehrkräfte betroffen.

Raphael Maninger, Referent für Gesellschaftliche Verantwortung und Bildung im Dekanat, betonte die zentrale Bedeutung von Sprache für gesellschaftliche Teilhabe, Bildung und Arbeit. Zugleich warnte er vor den Folgen für bestehende Strukturen der Integrationsarbeit. In der Resolution „Sprache öffnet Zukunft – Integrationskurse sichern“ fordert das Dekanat, den Zugang zu Sprachkursen wieder zu ermöglichen und langfristig verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Das Anliegen soll nun auch in die Kirchensynode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) eingebracht werden.

Kirche im Sozialraum: Ergebnisse der Visitation

Neben gesellschaftspolitischen Fragen standen auch kirchliche Entwicklungen im Fokus. Die Ergebnisse der Visitation „Kirche aus dem Häuschen“, die im Herbst 2025 in den Dekanaten Büdinger Land und Gießener Land stattfand, stellte die Visitationsbeauftragte der EKHN, Dr. Anna Scholz, vor. Im Dekanat Gießener Land wurden dabei unter anderem die Dorfschmiede Freienseen, der Verein „Gemeinsam statt einsam“ in Treis sowie das Projekt „Kaffee mit Gott“ in Holzheim besucht. Sie zeigten eindrücklich, wie Kirche im ländlichen Raum wirkt: in Cafés, Begegnungsorten, sozialen Projekten und neuen Gottesdienstformaten. Deutlich wurde, dass kirchliche Arbeit dort besonders wirksam ist, wo sie nah an den Menschen ist, Kooperationen eingeht und Gemeinschaft ermöglicht – oft jenseits klassischer Strukturen. 

Blick auf die Landeskirche

Auch ein Blick auf die gesamtkirchliche Ebene gehörte zur Synode: Susanne Koch berichtete als Kirchensynodale von der Herbsttagung der EKHN-Synode in Frankfurt. Dort standen finanzielle Weichenstellungen, strukturelle Reformen und Fragen der zukünftigen Kirchenentwicklung im Mittelpunkt. Beschlossen wurde unter anderem der Doppelhaushalt der Landeskirche sowie weitere Einsparmaßnahmen angesichts rückläufiger Mitgliederzahlen. Zugleich ging es um neue Verwaltungsstrukturen, Digitalisierung und die künftige organisatorische Ausrichtung der Kirche.

Neue Wege in der Jugendarbeit: Projekt „Mobile Home“

Auch neue Wege in der Jugendarbeit wurden vorgestellt: Unter dem Arbeitstitel „Mobile Home“ entsteht derzeit ein Projekt der evangelischen Jugendarbeit, das mit einem vielfältig ausgestatteten Bus zu den Jugendlichen im ländlichen Raum kommen soll. Ziel ist es, niedrigschwellige Begegnungsorte direkt vor Ort zu schaffen – flexibel, partizipativ und nah an der Lebenswelt junger Menschen. Die Synode stellte für das Projekt bis zu 50.000 Euro in Aussicht. Weitere Fördermittel sind bereits bewilligt, sodass das Vorhaben zunehmend konkrete Formen annimmt. Kirchenpräsidentin Dr. Tietz zeigte sich zudem beeindruckt von der ausgesprochen fairen und wertschätzenden Diskussionskultur der Synodalen. Nach eingehender Beratung konnte ein einmütiger Beschluss gefasst werden.

Haushalt beschlossen: Finanzielle Spielräume werden enger

Auch finanzielle Fragen spielten eine zentrale Rolle. Die Synode beschloss den Haushalt für die Jahre 2026 und 2027. Dabei wurde deutlich, dass die finanziellen Spielräume enger werden. Steigende Personalkosten und ein zunehmender Rückgriff auf Rücklagen stellen das Dekanat vor Herausforderungen, gleichzeitig bleiben Investitionen in zentrale Arbeitsfelder notwendig.

Zukunft des Freizeitheims Wirberg wird geprüft

Ein weiterer wichtiger Punkt war die Zukunft des Freizeitheims Wirberg. Einig war sich die Synode darin, dass Jugendarbeit verlässliche Räume braucht. Gleichzeitig wurde deutlich, dass das Freizeitheim seit Jahren wirtschaftlich defizitär arbeitet. Vor diesem Hintergrund soll nun gemeinsam mit der Evangelischen Jugendvertretung im Dekanat (EJVD) ein neues Nutzungskonzept entwickelt werden. Parallel dazu werden auch mögliche Verkaufsoptionen geprüft. Ziel ist es, eine tragfähige Perspektive für die zukünftige Arbeit zu finden.

Veränderungen im Dekanatssynodalvorstand

Veränderungen gab es auch in den Gremien: Aus dem Dekanatssynodalvorstand wurden Pfarrerin Cordula Michaelsen, Pfarrerin Verena Reeh und Pfarrerin Carina Schmidt-Marburger verabschiedet. Ihr Engagement wurde ebenso gewürdigt wie ihre unterschiedlichen Perspektiven, die die Arbeit des Gremiums geprägt haben. Neu gewählt wurden Pfarrer Stefan Becker, Pfarrer Martin Möller und Pfarrerin Jana Niesner. In die Kirchensynode wurde ebenfalls Pfarrer Martin Möller entsandt. Zwei weitere Wahlen werden zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt.

Im Gottesdienst zu Beginn der Synode wurde zudem Markus Brand als neuer Mitarbeiter im Gemeindepädagogischen Dienst begrüßt. Er wird künftig im Nachbarschaftsraum Wirberg tätig sein.

Bericht der Dekanin: Gemeinsam Veränderungen gestalten

In ihrem Bericht warb Dekanin Barbara Lang dafür, die anstehenden Veränderungen gemeinsam zu gestalten. Es gelte, realistisch zu prüfen, was künftig möglich sei – im Haupt- wie im Ehrenamt – und zugleich neue Wege der Zusammenarbeit zu entwickeln. Zugleich erinnerte sie an gelungene Projekte wie das Segensfest „einfach heiraten“ im vergangenen Sommer und machte deutlich, dass sich Kirche auch gesellschaftlich einmischt, indem sie angesichts der politischen Situation deutlich für Menschenwürde und gegen jede Form der Diskriminierung eintritt und Verantwortung übernimmt. Auch machte Dekanin Lang auf die neue Dekanatswebsite aufmerksam, die Patricia Luft, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Dekanat, gestaltet hat. Sie ist abrufbar unter: https://giessenerland-evangelisch.ekhn.de/ 

Positive Bilanz nach intensiven Beratungen

Am Ende stand ein positives Fazit. Präses Dr. Thilo Schneider schloss die Sitzung nach mehreren Stunden intensiver Beratungen mit den Worten: „Das war eine der schönsten Dekanatssynoden, die wir bisher hatten.“

Hintergrund: Dekanat und Dekanatssynode

Die evangelischen Kirchengemeinden und Nachbarschaftsräume einer Region bilden gemeinsam ein Dekanat innerhalb der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Insgesamt gibt es 25 Dekanate. Sie organisieren die Zusammenarbeit der Gemeinden, koordinieren kirchliche Dienste und leiten die Kirche vor Ort.

Geleitet wird das Dekanat von der Dekanatssynode. Dieses Gremium setzt sich aus gewählten Vertreterinnen und Vertretern der Kirchengemeinden sowie Pfarrerinnen und Pfarrern mit besonderen Aufgaben zusammen. Die Synode trifft grundlegende Entscheidungen und wählt den Dekanatssynodalvorstand (DSV), der das Dekanat nach außen vertritt.

An der Spitze des DSV stehen eine ehrenamtliche Vorsitzende oder ein Vorsitzender – der Präses – sowie die Dekanin oder der Dekan.

Im Dekanat Gießener Land sind dies Präses Dr. Thilo Schneider und Dekanin Barbara Lang. Stellvertretende Dekanin ist Pfarrerin Sarah Kiefer, stellvertretende Präses Susanne Koch.

Dem neu gewählten Dekanatssynodalvorstand gehören neben der Leitung an: Reinhold Hahn, Susanne Koch, Michael Knoll, Hartmut Lohrey, Roland Meuschke, Daniela Reif, Pfarrer Matthias Bubel und Pfarrerin Sarah Kiefer. Neu in das Gremium gewählt wurden Pfarrer Stefan Becker, Pfarrer Martin Möller und Pfarrerin Jana Niesner.