Gedanken von Raphael Maninger, Referent für Bildung und Gesellschaftliche Verantwortung im Dekanat Gießener Land
Schon in den Grußworten wurde deutlich, worum es an diesem Abend gehen sollte. Landrätin Anita Schneider erinnerte daran, dass im Vereinsleben selten zuerst die Frage stehe, was jemand wähle. Menschen engagieren sich in Feuerwehren, Vereinen, Initiativen und Nachbarschaften, weil sie gemeinsam etwas tragen wollen. Gleichzeitig machte sie deutlich, dass zivilgesellschaftliche Bündnisse politisch nicht sprachlos bleiben dürfen. Gerade dort, wo neue Vereine und Initiativen entstehen, etwa in Grünberg oder Hungen, zeigt sich, dass demokratisches Engagement auch im Kleinen wächst.
Dieser Gedanke blieb für mich im Verlauf des Abends zentral. Demokratie wurde nicht als abstraktes Ideal beschrieben, sondern als etwas, das in konkreten Begegnungen entsteht. In der Bereitschaft, auszuhalten, dass andere Menschen anders denken. In der Erfahrung, dass man trotzdem miteinander arbeiten, reden und Verantwortung übernehmen kann.
Auch Stadtrat Ingo Kreuder griff diesen Gedanken auf. Er lobte die Debattenkultur in Grünberg und überreichte Clemens Tangerding als lokales Geschenk eine Flasche „Schusterbock“ oder „Schusterpech“, ein traditionelles Getränk, das an die Schuhmacherhistorie der Stadt erinnert. Auch darin lag ein passendes Bild für den Abend: Lokale Geschichte, gemeinsames Erinnern und politische Gegenwart standen nicht nebeneinander, sondern wurden miteinander verbunden.
Tangerding beschrieb sein Buch als eine Art Ausflug aus der „Debattenwelt“ in die wirkliche Welt. Als Historiker, so sagte er sinngemäß, lebe er selbst auf dem „Debattenplaneten“. Dort werden Positionen formuliert, Argumente geschärft, Redezeiten verteilt und Gegensätze markiert. Doch sobald politische Diskussionen im Privaten beginnen, wird es oft hitzig. Gespräche enden selten im Konsens. Häufig bleibt eher die Erschöpfung zurück.
Besonders nachdenklich machte mich sein Hinweis, dass politische Debatten viele Menschen stärker prägen als eigene Erfahrungen. Über AfD-Wählerinnen und AfD-Wähler werde oft gesprochen, als seien sie eine klar abgrenzbare Gruppe. Tatsächlich arbeiten sie im Supermarkt, in der Kita, im Krankenhaus oder im Handwerk. Sie sind Nachbarn, Kolleginnen, Vereinsmitglieder oder Familienangehörige. Wer nur in der Logik politischer Lager denkt, verliert schnell den Blick dafür, dass gesellschaftliche Wirklichkeit komplizierter ist.
Tangerdings Ansatz ist deshalb dialogisch. Er will Menschen, die sich zum AfD-Wählen bekennen, nicht einfach ausschließen. Er will ihnen zuhören, sie reden lassen und die direkte Bewertung zunächst zurückhalten. Ein Satz blieb dabei besonders hängen: „Erst kommt die Beziehung, dann die Haltung.“
Das ist kein einfacher Satz. Er kann irritieren, besonders dort, wo demokratische Grenzen berührt werden. Tangerding selbst verschwieg diese Spannung nicht. Er berichtete, dass sein Ansatz oft stärker aus linken Zusammenhängen kritisiert werde als von rechts. Aus seiner Sicht gehe es in vielen Debatten stärker um Haltung als um Wirkung. Also darum, die richtige Position sichtbar zu vertreten, weniger darum, tatsächlich Einfluss auf Menschen zu nehmen.
In der Diskussion über die Brandmauer formulierte er es zugespitzt: Man könne niemanden verändern, indem man den Kontakt abbreche. Einfluss entstehe eher dort, wo Gespräch möglich bleibe. Dabei gehe es ihm nicht darum, radikale Positionen zu verharmlosen. Es gehe darum, überhaupt Anknüpfungspunkte zu finden. Wer alle Menschen sofort einer radikalen Position zuordnet, nehme auch den Gemäßigten den Raum, sich zu bewegen.
Gerade dieser Punkt fordert heraus. Denn viele kennen das Beklemmungsgefühl, wenn sie mit radikalen, menschenfeindlichen oder antidemokratischen Aussagen konfrontiert werden. Tangerding beschrieb, dass dann schnell der innere Drang entstehe, das Gegenüber eindeutig festzulegen und weiter zu radikalisieren. Doch genau dadurch könne man verhindern, dass eine Person selbst einen gemäßigteren Konsens formuliert.
Ein weiterer wichtiger Gedanke des Abends war die Frage, wer in gesellschaftlichen Debatten eigentlich spricht. Tangerding plädierte dafür, das Mikrofon häufiger Menschen in die Hand zu geben, die konkrete Erfahrungen mit gesellschaftlichen Phänomenen haben. Weniger Politikerinnen, Funktionäre oder Vertreter, die vor allem aus einer ideellen Perspektive sprechen. Mehr Menschen aus Kitas, Schulen, Krankenhäusern, Vereinen, Feuerwehren, Nachbarschaften und sozialen Projekten. Menschen also, die Konflikte und Verantwortung nicht nur beschreiben, sondern täglich erleben.
Für mich war das einer der stärksten Impulse des Abends. Demokratie braucht nicht nur kluge Argumente. Sie braucht Erfahrungsräume. Orte, an denen Menschen merken, dass sie gemeinsam handeln können, obwohl sie nicht in allem übereinstimmen. Vereine, Initiativen und lokale Projekte sind deshalb keine Nebensache. Sie sind Übungsorte demokratischer Kultur.
Zum Ende sprach Tangerding über den „unschätzbaren Wert des Bleibens“. Auch das wirkte nach. Bleiben ist nicht automatisch Stillstand. Es kann eine große psychische Leistung sein. Wer in Familien, Nachbarschaften, Vereinen oder Orten bleibt, hält Beziehungen aus, die nicht immer einfach sind. Ritualisierte Begegnungen können helfen, Gräben zu überbrücken, gerade dort, wo politische Konflikte in Familien oder im nahen Umfeld spürbar werden.
Der Abend im Barfüßerkloster hat für mich gezeigt, dass demokratische Bildung nicht nur dort stattfindet, wo über Demokratie gesprochen wird. Sie geschieht auch dort, wo Menschen sich begegnen, gemeinsam Verantwortung übernehmen und trotz Differenzen im Gespräch bleiben. Das ist anstrengender als eine klare Abgrenzung im Debattenraum. Aber vielleicht ist es genau deshalb wirksamer.