Wer an der Max-Eyth-Schule in Alsfeld Sorgen hat, jemanden zum Reden braucht oder einfach einmal einen Gedanken loswerden möchte, soll bei Susanne Metzger-Liedtke eine offene Tür finden. „Ich möchte eine Anlaufstelle sein, an der man Sorgen besprechen und abladen kann und dann mit einem positiven Impuls weitergehen kann“, beschreibt die 56-jährige Pfarrerin, was sie sich für ihre neue Aufgabe wünscht. Nach vielen Jahren in der Gemeindearbeit wechselt sie nun als Schulpfarrerin an die Max-Eyth-Schule.
Besonders freut sie sich darauf, mit jungen Menschen in Kontakt zu kommen, „die in der klassischen Gemeindearbeit eher selten auftauchen“, sagt sie. Dabei geht es für sie nicht zuerst um Religion oder darum, Jugendliche für Kirche zu begeistern. Es geht um das Leben – mit seinen Fragen, Unsicherheiten und Herausforderungen. „Gott ist mitten im Leben“, lautet ein Gedanke Dietrich Bonhoeffers, der sie dabei begleitet. Kirche könne Menschen unterstützen und ihnen Liebe, Gemeinschaft und Vergebung als Perspektiven eröffnen. „Das ist in der Schule nicht anders als anderswo.“
Dass Jugendliche mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zu ihr kommen können, ist ihr wichtig. An der Max-Eyth-Schule begegnen sich Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Bildungsgängen. Metzger-Liedtke möchte ihnen offen und tolerant begegnen – unabhängig davon, ob sie mit Kirche und Religion viel anfangen können oder nicht. Sie sieht darin eine gute Voraussetzung für Vertrauen. Auch im Unterricht möchte sie Anknüpfungspunkte schaffen, etwa wenn es um Kommunikation und ein gutes Miteinander im späteren Berufsleben geht.
Die Schulseelsorge ist für Metzger-Liedtke dabei kein völlig neues Feld. Bereits in Freienseen war sie an der evangelischen Grundschule schulseelsorgerlich tätig. Nun möchte sie diese Erfahrung mit in ihr neues Arbeitsfeld nehmen. „Ich weiß auch, dass die jungen Menschen an der Max-Eyth-Schule oft in einer persönlichen Findungsphase sind“, sagt sie. Gerade dort möchte sie etwas Gutes bewirken.
Der Weg dorthin bedeutet zugleich einen Abschied. Siebzehneinhalb Jahre war Freienseen ihre berufliche Heimat. Vor sechs Jahren kamen Sellnrod und Altenhain hinzu, als die Gemeinden zu einer Gesamtkirchengemeinde zusammengeschlossen wurden. Die lange Zeit an einem Ort hat sie geprägt – vor allem durch die Menschen. „All die Menschen, die mir begegnet sind“, wird sie besonders in Erinnerung behalten, ebenso die Momente, in denen sie Menschen intensiv begleiten durfte. Das Vertrauen, das ihr dabei entgegengebracht wurde, empfindet sie als besonderen Schatz.
Freienseen kennt Metzger-Liedtke nicht nur als Pfarrerin, sondern auch als einen Ort, an dem Gemeinschaft gelebt wird. Die Freundlichkeit und Offenheit im Dorf habe sie immer wieder erlebt. Besonders in Erinnerung bleibt ihr etwa die Zusammenarbeit mit Ulf Häbel in der Dorfschmiede. In das Projekt sei viel Herzblut geflossen. Nicht alles habe funktioniert wie geplant, gleichzeitig seien dort ganz besondere Formen von Gemeinschaft entstanden – zunächst im Dorfladen, später in der Tagespflege und heute im liebevoll gestalteten Dorfcafé.
Dass der Abschied nicht nur leichtfällt, verschweigt Metzger-Liedtke nicht. Besonders traurig mache sie, dass viele Menschen, die früher regelmäßig zum Gottesdienst kamen, inzwischen gestorben seien und die Kirchen dadurch leerer geworden seien. Gleichzeitig bleibt ihre Verbundenheit mit der Gemeinde bestehen. Sie wird weiterhin in der Region wohnen und hofft, dass vieles von dem, was ihr wichtig geworden ist, dadurch erhalten bleibt. Schon jetzt merke sie allerdings, dass sie nicht mehr alles mitbekomme, was in Freienseen, Sellnrod und Altenhain geschieht. „Da wird mir vielleicht schon manchmal ein Stück fehlen.“
Der Wunsch nach Veränderung ist dennoch gewachsen. „Ich war jetzt wirklich lange am gleichen Wirkungsort“, sagt sie. Irgendwann sei das Gefühl entstanden, es dürfe einmal etwas Neues sein. Als sie hörte, dass die Stelle an der Max-Eyth-Schule vakant war und die Hoffnung auf eine Besetzung bereits schwand, fühlte sie sich angesprochen: „Neue Hoffnung zu geben, das gehört zu meinen Kernaufgaben.“ Sie bewarb sich – und beginnt nun einen neuen Abschnitt.
Ganz neu ist die Region für sie dabei nicht. Susanne Metzger-Liedtke stammt aus Eudorf bei Alsfeld, ihre „innere Heimat“ hat sie in Frischborn bei Lauterbach. Zum Pfarramt fand sie bereits während ihrer Konfirmandenzeit. Sie wuchs in einer gläubigen Familie auf und war mit Kirche von klein auf vertraut. Gleichzeitig entstand damals der Wunsch, ein Pfarrerbild zu leben, das weitherzig, offen und den Menschen zugewandt ist.
Theologie studierte sie in Marburg, Göttingen und Mainz. Nach dem Studium absolvierte sie zunächst eine Ausbildung zur Krankenschwester in Mainz. Damals gab es so viele Pfarrpersonen, dass eine Anstellung schwierig war, erinnert sie sich. Zehn Jahre später folgte das Vikariat in Meiches. Die Erfahrungen im Krankenhaus prägten sie dabei besonders und sensibilisierten sie für die Seelsorge.
Diese Verbindung von Seelsorge und persönlicher Begleitung nimmt sie nun mit an die Schule. Denn je mehr Menschen sie in unterschiedlichen Lebenssituationen kennengelernt habe, desto mehr faszinierten sie diese. „Ich finde Menschen einfach unendlich wertvoll“, sagt sie. Es sei immer wieder schön, die verschiedenen Facetten einer Persönlichkeit zu entdecken. „Ich finde, das ist echt ein Wunderwerk Gottes, welche Vielfalt er geschaffen hat.“
Auch persönlich bleibt sie mitten im Leben: Sie liebt die Zeit mit ihren Kindern, spielt im Posaunenchor, singt im Gospelchor, geht gerne durch Wald und Feld und fährt Fahrrad. Kraft gibt ihr vor allem das Gefühl, mit ihrer Arbeit etwas Gutes bewirken zu können: „Dass ich weiß, ich kann manchmal ein bisschen Gottes Bote sein und Menschen etwas Gutes tun.“
Ihren Beruf empfindet sie auch nach vielen Jahren weiterhin als Berufung und als Geschenk. Und so blickt sie mit Neugier auf das, was vor ihr liegt. „Auf die Menschen, die sind für mich das Größte“, sagt sie. Ihr Wunsch für den Start an der Max-Eyth-Schule ist deshalb schlicht: „Dass ich gut reinkomme.“ Vor allem aber möchte sie ankommen, Beziehungen aufbauen und für die Schülerinnen und Schüler da sein.
Abschied in Freienseen
Von ihrer bisherigen Gemeinde verabschiedet sich Pfarrerin Susanne Metzger-Liedtke am kommenden Sonntag, 30. August, um 16 Uhr im Rahmen eines Gottesdienstes. Im Anschluss besteht Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen und persönlich Abschied zu nehmen.
Für ihre bisherige Gemeinde bleibt dabei vor allem eines: Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit – und die Hoffnung, dass die Menschen vor Ort ihre Kirche weiterhin mit Leben füllen und gemeinsam gestalten.