Der Umzug war aus der Not geboren – und könnte sich nun als Glücksfall erweisen. Denn die Räume in der Bahnhofstraße waren für die Diakonie angesichts sinkender Kirchensteuereinnahmen nicht mehr finanzierbar. Mit dem Einzug in die Räume des Gemeindebüros konnte verhindert werden, dass die diakonischen Angebote aus Grünberg verschwinden. Kirche und Diakonie sind nun auch räumlich verbunden. Für beide Seiten ist das eine Chance, die Zusammenarbeit zu vertiefen, neue Synergien zu nutzen und künftig noch stärker gemeinsam für die Menschen in Grünberg und im Ostkreis da zu sein.
„Wir sind froh, dass wir mit dem Umzug alle Angebote hier in Grünberg erhalten konnten“, sagt Sigrid Unglaub, Leiterin der Regionalen Diakonie Gießen. Denn sonst hätten Menschen aus dem Ostkreis für Beratungen den Weg nach Gießen auf sich nehmen müssen. Die Diakonie nutzt die Räume des Gemeindebüros nun mietfrei und beteiligt sich an den Nebenkosten.
Hilfe, wenn das Leben schwierig wird
Mit dem Umzug bleiben die wichtigen diakonischen Angebote in Grünberg erhalten. Dazu gehört unter anderem die Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung von Astrid Mekelburg. Sie richtet sich an Frauen, die sich über einen möglichen Abbruch beraten lassen möchten, aber auch an Frauen und Paare in schwierigen Lebenssituationen, bei Beziehungsproblemen oder finanziellen, psychischen und sozialen Krisen. Die Nachfrage ist groß – aktuell gibt es sogar eine Warteliste.
Auch über konkrete finanzielle Hilfen wird informiert, etwa über die Bundesstiftung „Mutter und Kind – Schutz des ungeborenen Lebens“, die Schwangere in finanziellen Notlagen unter anderem bei Schwangerschaftsbekleidung und der Erstausstattung für das Baby unterstützen kann.
Ebenfalls in den Räumen des Gemeindebüros angesiedelt ist das Tafelbüro, für das Tobias Lux zuständig ist. Die Anmeldung und Klärung der notwendigen Unterlagen erfolgt zunächst telefonisch.
Daneben gibt es die Sozialberatung an Tafeln mit Vanessa Claus. Sie versteht sich als eine Art Lotsenstelle: Wo drückt der Schuh am meisten – bei Schulden, psychischen Belastungen, einer Suchtproblematik, Fragen rund um Migration oder an anderer Stelle? Von dort aus können Ratsuchende an die passende Fachberatung weitervermittelt werden. Auch die Schuldnerberatung ist regelmäßig in Grünberg vor Ort: dienstags, allerdings nur nach vorheriger Terminvereinbarung.
Kirche ist mehr als Gottesdienst
Diakonie ist ein selbstverständlicher Teil kirchlichen Handelns. Wie wichtig dieses soziale Engagement der Kirche ist, zeigt auch die 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU): Die Erwartungen an die Kirchen als Akteure im sozialen Bereich sind groß – und werden auch von konfessionslosen Menschen geteilt. 78 Prozent der Konfessionslosen befürworten, dass Kirchen Beratungsstellen für Menschen mit Lebensproblemen betreiben.
„Diakonie ist Kirche, evangelische Kirche, handelnde Kirche“, sagt Unglaub. Soziales Handeln sei keine Zusatzaufgabe, sondern eine Lebensäußerung der Kirche. Kirche und Diakonie gehörten dabei unmittelbar zusammen und ergänzten sich: „Und jetzt sind wir nicht nur inhaltlich unter einem Dach, sondern ganz real.“
Auch für Isabelle Röhr, Pfarrerin in Grünberg, und den Gesamtkirchenvorstand der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Grünberger Land war schnell klar, dass sie die Diakonie unterstützen möchten. „Wir sehen darin auch eine Chance, die Zusammenarbeit von Kirche und Diakonie weiter zu vertiefen und neue Verbindungen entstehen zu lassen“, sagt Röhr.
Schon bisher gehen die Grünberger Konfirmandinnen und Konfirmanden regelmäßig mit Tobias Lux zur Tafel. „Es ist wichtig, dass die Jugendlichen wissen, was Diakonie bedeutet: im christlichen Sinne zu dienen, zu unterstützen und zu helfen“, sagt Röhr. Sie sollen kennenlernen, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt – und auch erfahren, dass ein Leben nicht für alle Menschen geradlinig und einfach verläuft.
Die Gesamtkirchengemeinde selbst unterstützt Menschen in finanziellen Notlagen ebenfalls, beispielsweise mit Gutscheinen. Durch die räumliche Nähe könnten nun weitere gemeinsame Projekte entstehen, hoffen Röhr und Unglaub. Die neue Adresse soll deshalb nicht nur ein neuer Standort sein, sondern ein neuer Anknüpfungspunkt.
Denn der Umzug zeigt zugleich ganz konkret, was passiert, wenn die finanziellen Spielräume der Kirche kleiner werden: Angebote, die unmittelbar bei Menschen ankommen, geraten unter Druck. Der Rückgang der Kirchenmitgliedschaft stellt Kirche und Diakonie dabei vor die Herausforderung, ihre Arbeit auch künftig finanziell abzusichern – obwohl die gesellschaftliche Wertschätzung für kirchliche soziale Arbeit weiterhin hoch ist.
In Grünberg ist es gelungen, beides zusammenzubringen: weniger finanzielle Möglichkeiten und trotzdem keine Kürzung der diakonischen Angebote. Kirche und Diakonie wollen diese Chance nun nutzen, um noch näher bei den Menschen zu sein.
Hilfe und Beratung in Grünberg
Regionale Diakonie Gießen – An der Stadtkirche 9, 35305 Grünberg
Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung: Astrid Mekelburg, Terminvereinbarung: 0641-93228-0
Tafelbüro / Tafelkoordination: Tobias Lux, Terminvereinbarung: 0641-93228-780
Sozialberatung an Tafeln: Vanessa Claus, Terminvereinbarung: 0641-93228-781
Schuldnerberatung: Aura Modrock, Terminvereinbarung: 0641-93228-0
Die Schuldnerberatung findet dienstags in Grünberg statt, ausschließlich nach Terminvereinbarung.
Fachstelle für freiwilliges Engagement und Seniorenbüro:
mira.schmidt@regionale-diakonie.de
Wer nicht weiß, an wen er sich wenden kann, darf trotzdem anrufen. Die Beratungsstellen helfen auch dabei, herauszufinden, welches Angebot im jeweiligen Fall das richtige ist.