Wie wurde aus dem Deutschland der Nachkriegszeit die Bundesrepublik, in der wir heute leben? Wie hat sich die Demokratie seit 1945 entwickelt? Und wie ist eine Gesellschaft mit der nationalsozialistischen Vergangenheit umgegangen?
Wer diesen Fragen nachgehen möchte, sollte manchmal dorthin fahren, wo Geschichte sichtbar und greifbar wird. Genau dazu laden die Evangelischen Dekanate Vogelsberg und Gießener Land ein. Unter dem Titel „Demokratie auf der Spur“ führt eine gemeinsame Bildungsfahrt am 26. und 27. Oktober nach Bonn und Bad Neuenahr-Ahrweiler.
Auf dem Programm stehen historische Orte im ehemaligen Bonner Regierungsviertel, der ehemalige Regierungsbunker im Ahrtal sowie das Bonner Haus der Geschichte. Es geht dabei um weit mehr als Jahreszahlen: Die Fahrt möchte Geschichte verständlich machen, zum Nachdenken anregen und den Blick dafür schärfen, was demokratische Verantwortung heute bedeutet.
Dort genauer hinschauen, wo der Geschichtsunterricht oft endet
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der deutschen Geschichte nach 1945. Für Raphael Maninger (Referent für Bildung und Gesellschaftliche Verantwortung im Dekanat Gießener Land), der die Fahrt mit vorbereitet, ist genau das ein Grund, sich auf die Reise zu freuen: „Mich interessiert an dieser Fahrt besonders, dass wir dort genauer hinschauen, wo mein eigener Geschichtsunterricht in der Schule weitgehend endete: in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Gerade die Frage, wie die junge Bundesrepublik mit der nationalsozialistischen Vergangenheit umging und wie sich unsere Demokratie in der Bonner Republik entwickelte, finde ich für die politische Bildung ausgesprochen spannend.“
Bonn: Demokratie wird zum Spaziergang
Am ersten Tag geht es zunächst hinaus in die Stadt. Beim „Weg der Demokratie“ werden historische Orte im ehemaligen Bonner Regierungsviertel erkundet.
Insgesamt umfasst der Weg 65 historische Orte, die mit der parlamentarischen Demokratie der Bundesrepublik verbunden sind. Dazu gehören unter anderem das Bundeshaus, die Villa Hammerschmidt, der ehemalige Bundesrat, das Bundeskanzleramt, der Bundestag und der „Lange Eugen“.
Am Bundeshaus lässt sich beispielsweise nachvollziehen, wie eng dieser Ort mit den Anfängen der Bundesrepublik verbunden ist: Hier tagten ab 1949 der Parlamentarische Rat, der Bundestag und der Bundesrat. Auch der Parlamentarische Rat, der das Grundgesetz erarbeitete, ist an mehreren Stationen des Weges präsent.
So wird Geschichte zum Spaziergang: Man steht dort, wo politische Entscheidungen getroffen wurden, und kann sich fragen, wie die junge Demokratie ihren politischen Alltag entwickelte – und welche Spuren davon bis heute geblieben sind.
Ein Blick in die Welt des Kalten Krieges
Anschließend führt die Fahrt nach Bad Neuenahr-Ahrweiler. Dort wartet ein historischer Ort, der kaum einen stärkeren Kontrast zum Bonner Regierungsviertel bilden könnte: der ehemalige Regierungsbunker.
Tief unter den Weinbergen des Ahrtals entstand während des Kalten Krieges ein streng geheimer Ausweichsitz für die Verfassungsorgane des Bundes. Die Anlage sollte die Handlungsfähigkeit des Staates auch im Krisen- und Verteidigungsfall sichern. Von dem ursprünglich 17,3 Kilometer langen Bunkerkomplex sind heute noch 203 Meter als Dokumentationsstätte zugänglich.
Bei einer Führung wird die Zeit des Kalten Krieges unmittelbar erlebbar: unterirdische Gänge, schwere Sicherheitstore und originale Bereiche erzählen von einer Epoche, in der die Gefahr eines atomaren Krieges die Politik prägte. Der Bunker war für mehr als 3.000 politische, militärische und wirtschaftliche Entscheidungsträger ausgelegt und konnte für bis zu 30 Tage autark betrieben werden.
Gerade dieser Ort macht deutlich, wie wenig selbstverständlich Frieden, Freiheit und demokratische Stabilität sind. Der Regierungsbunker ist heute deshalb nicht nur ein historischer Schauplatz, sondern auch ein Erinnerungsort und eine Mahnung an die Bedeutung von Demokratie, Frieden und Freiheit.
Haus der Geschichte: Deutschland seit 1945
Am zweiten Tag steht dann das Bonner Haus der Geschichte im Mittelpunkt. Die Dauerausstellung „Du bist Teil der Geschichte. Deutschland seit 1945“ erzählt deutsche Zeitgeschichte von 1945 bis in die Gegenwart.
In fünf Zeiträumen und mit zahlreichen Objekten wird sichtbar, wie sich Politik, Gesellschaft und Alltag verändert haben. Dabei steht nicht nur die große Politik im Mittelpunkt: Auch persönliche Erfahrungen und Gegenstände aus dem Alltag machen Geschichte anschaulich.
Bei einer Führung durch die Dauerausstellung erhalten die Teilnehmenden einen Überblick über diese Entwicklungen. Anschließend bleibt Zeit, eigene Schwerpunkte zu setzen und das Museum selbstständig weiter zu erkunden.
„Nach Hitler“: Wie gehen Generationen mit Vergangenheit um?
Ein weiterer Höhepunkt im Haus der Geschichte ist die Sonderausstellung „Nach Hitler. Die deutsche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus“. Sie fragt, wie Menschen in Deutschland seit 1945 mit der nationalsozialistischen Vergangenheit umgegangen sind.
Dabei zeigt die Ausstellung unterschiedliche Perspektiven mehrerer Generationen: von Menschen, die die NS-Zeit selbst erlebt haben, über die sogenannte „68er“-Generation bis hin zu späteren Generationen. Es geht um Verdrängung und Auseinandersetzung, um Erinnerung und Vergessen, um persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Debatten. Die Ausstellung macht zugleich deutlich, dass die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus auch Jahrzehnte später für die Demokratie von Bedeutung bleibt.
Für Raphael Maninger ist gerade diese Verbindung wichtig: „Die Sonderausstellung ‚Nach Hitler‘ greift diese Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit über verschiedene Generationen hinweg auf. Für ein kirchliches Bildungsangebot liegt darin die Chance, Geschichte mit der Frage zu verbinden, was demokratische Verantwortung heute bedeutet.“
Damit wird aus dem Blick zurück zugleich eine Frage an die Gegenwart: Wie wollen wir als Gesellschaft mit unserer Geschichte umgehen – und was können wir selbst dazu beitragen, dass Demokratie gelingt?
Gemeinsam unterwegs – gemeinsam ins Gespräch kommen
Die Fahrt ist dabei bewusst mehr als eine klassische Studienreise. Neben den gemeinsamen Programmpunkten bleibt Zeit für eigene Erkundungen und Begegnungen. Die Übernachtung erfolgt in Bonn im Hotel des Gustav-Stresemann-Instituts.
Der besondere Mehrwert liegt darin, Geschichte nicht nur zu hören, sondern sie an konkreten Orten zu erleben – und gemeinsam darüber ins Gespräch zu kommen. Was bedeutet es, wenn politische Entscheidungen den Alltag von Millionen Menschen verändern? Warum ist Erinnerungskultur für eine Demokratie wichtig? Und was kann jede und jeder Einzelne dazu beitragen, dass demokratische Werte lebendig bleiben?
Gerade als kirchliches Bildungsangebot eröffnet die Fahrt Raum für solche Fragen. Denn Demokratie lebt nicht allein von Institutionen und Gesetzen. Sie lebt auch von Menschen, die sich informieren, unterschiedliche Perspektiven aushalten, miteinander diskutieren und Verantwortung übernehmen.
Wer also Lust hat, die deutsche Nachkriegsgeschichte einmal aus einer neuen Perspektive kennenzulernen, historische Orte zu entdecken und mit anderen über Geschichte und Gegenwart ins Gespräch zu kommen, ist herzlich eingeladen, mitzufahren.
Die Fahrt findet vom 26. bis 27. Oktober 2026 statt. Die Abfahrt erfolgt von Alsfeld und Grünberg.
Die Kosten betragen 100 Euro pro Person im Doppelzimmer beziehungsweise 130 Euro im Einzelzimmer. Darin enthalten sind die Fahrt in Kleinbussen, die Übernachtung mit Frühstück sowie Eintritte und Führungen. Eine Ermäßigung ist auf Anfrage möglich.
Ein freiwilliges Vorbereitungstreffen findet am Dienstag, 22. September, um 19.30 Uhr in Alsfeld, Grünberg und online statt.
Die Anmeldung ist bis spätestens 7. September 2026 möglich. Weitere Informationen gibt es bei Raphael Maninger, Referent für Gesellschaftliche Verantwortung im Evangelischen Dekanat Gießener Land, Telefon 06401/22597-30, E-Mail raphael.maninger(at)ekhn.de, sowie bei Carolin Braatz, Referentin für Gesellschaftliche Verantwortung im Evangelischen Dekanat Vogelsberg, Telefon 06631/91149-18, E-Mail Carolin.Braatz(at)ekhn.de.
Die Fahrt ist eine Kooperation der Evangelischen Dekanate Gießener Land und Vogelsberg und wird durch die AG Erwachsenenbildung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) gefördert.