Beim Festgottesdienst zum 250-jährigen Bestehen des Kirchenschiffs der Rodheimer Kirche gingen Pfarrerin Elvira Bodenstedt in ihrer Predigt und Jörg Sauerhoff in einem geschichtlichen Abriss jetzt dieser Frage nach – und schlugen dabei einen Bogen von der Geschichte des Ortes bis zum Umgang der Menschen miteinander.
Wer heute durch das Kirchenschiff geht, sieht zunächst vor allem ein beeindruckendes Gebäude. 1776 wurde der große Raum errichtet. Für die Menschen jener Zeit war der Bau eine enorme Leistung. Doch der Kirchenstandort ist wesentlich älter.
Der gotische Turm verweist auf einen Vorgängerbau, der romanische Taufstein sogar auf eine mögliche Kirche aus der Zeit um das Jahr 1000. Auch der Ort selbst gibt Rätsel auf: Rodheim liegt auf einem weithin sichtbaren Basaltkegel. Flurnamen und bauliche Spuren lassen vermuten, dass Menschen hier bereits lange vor der Christianisierung zusammenkamen.
Aus dem alten Versammlungsort wurde ein christlicher Kirchenstandort. Erst stand dort vermutlich ein kleines, schlichtes Kirchlein. Später wurde größer gebaut.
Für Pfarrerin Elvira Bodenstedt ist das mehr als eine Frage der Architektur. „Die Größe und Schönheit einer Kirche kann auch als Liebesbeweis verstanden werden“, sagt sie. Die Menschen hätten damit zeigen wollen, wie viel ihnen ihr Glaube bedeutete.
Eine Kirche ist nicht nur ein altes Gebäude
Doch wann ist ein Ort eigentlich heilig? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Gottesdienstes. Bodenstedt blickte dazu in die Bibel, auf die Gottesbegegnungen des Propheten Jesaja und auf die Geschichten über Jesus. Das Heilige, so wird in ihren Gedanken deutlich, ist dabei nicht einfach gleichzusetzen mit dem Schönen, Alten oder Schützenswerten. Es bezeichnet etwas, das über den Menschen hinausweist.
Für eine Kirche bedeutet das: Ihre Bedeutung erschöpft sich nicht in den Mauern. Sie wird zum Ort der Gottesbegegnung, wenn Menschen dort beten, Gottesdienst feiern, singen, taufen oder Abendmahl feiern.
Das macht die Frage nach der Zukunft vieler Kirchenräume umso dringlicher. Was bleibt von einem solchen Ort, wenn immer weniger Menschen regelmäßig zum Gottesdienst kommen?
„Dem ist nichts mehr heilig“
Bodenstedt führt den Gedanken noch weiter. Eine alte Redewendung bekommt dabei eine neue Bedeutung: „Dem ist nichts mehr heilig.“
Früher habe sich das, was Menschen heilig war, auch im Alltag gezeigt, so ihre Erinnerung. Nachbarschaftshilfe sei selbstverständlich gewesen, Häuser hätten nicht ständig verschlossen werden müssen, alte und kranke Menschen seien geschützt worden. Heute dagegen werde der Umgang miteinander rauer. Helferinnen und Helfer würden angegriffen, Vandalismus und Respektlosigkeit seien vielerorts zu beobachten.
Die Frage nach dem Heiligen wird damit zu einer gesellschaftlichen Frage: Welche Werte sind uns so wichtig, dass wir sie nicht zur Disposition stellen?
Es geht dabei nicht nur um Religion. Respekt, Menschenwürde, Hilfsbereitschaft oder der Schutz Schwächerer können ebenfalls als Grundwerte einer Gesellschaft verstanden werden.
Ein Jubiläum mit Blick nach vorn
Die Rodheimer Kirche steht seit 250 Jahren mitten im Ort. Generationen haben hier geheiratet, Kinder getauft, Abschied genommen und Gottesdienst gefeiert. Der Raum ist damit Teil der persönlichen Geschichten vieler Menschen – auch jener, die heute vielleicht nur noch selten eine Kirche betreten.
Das Jubiläum in Rodheim war deshalb nicht nur eine Feier der Vergangenheit. Es war auch ein Anlass, über die Bedeutung solcher Orte in der Gegenwart nachzudenken.
„Unsere Kirche hier im Ort ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass es auch anders geht. Sie ist ein christlicher Gegenentwurf“, sagt Bodenstedt. Für sie verweist der Kirchenraum auf einen Gott, der Menschen liebt und sie zugleich dazu auffordert, diese Liebe weiterzugeben.
Vielleicht liegt genau darin die Aktualität eines 250 Jahre alten Kirchenschiffs: Es erinnert daran, dass eine Gesellschaft nicht nur davon lebt, was technisch möglich, wirtschaftlich sinnvoll oder rechtlich erlaubt ist. Sondern auch davon, was Menschen füreinander bewahren und worüber sie sagen: Das ist uns heilig.