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Reformationstag 2022

Reformationstag: „Kultur der Fürsorglichkeit“ gefordert

© EKHN/RahnClaudia Neumann hält den GastvortragZDF-Sportjournalistin Claudia Neumann spricht über ethischen Herausforderungen bezüglich der Fußball-WM in Katar

Reformationsfest Hessen-Nassaus in Mainz: Zwischen Seeligpreisungen und Unseligkeiten im Sport und einem Ausblick auf die aktuelle Ökumene.

EKHN/RahnReformationstag 2022 (v.l.) Volker Jung, Claudia Neumann, Birgit PfeifferReformationstag 2022 (v.l.) Volker Jung, Claudia Neumann, Birgit Pfeiffer

Angesichts zunehmender Krisen hat sich der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung am Montagabend (31. Oktober) im zentralen Reformationsgottesdienst der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) in Mainz für eine neue „Kultur der Fürsorglichkeit, der Gerechtigkeit und des Friedens“ ausgesprochen. Nach Ansicht Jungs stehen Menschen gegenwärtig einer „verunsicherten und gefährdeten Welt“ gegenüber, sagte er bei dem Festgottesdienst zur Reformation in der Mainzer Christuskirche. Als Beispiele nannte er den Klimawandel, den „grauenhaften Angriffskrieg Russlands“ oder auch die Missachtung und Verachtung von Menschenwürde und Menschenrechten wie beispielsweise in Katar, dem Austragungsland der bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft, sowie die zunehmende soziale Spaltung angesichts hoher Inflation und steigender Energiepreise.

Volker Jung:  Eintreten für Gerechtigkeit und Frieden

Die Bergpredigt aus der Bibel rufe mit ihrer Friedenbotschaft dagegen eindrücklich in Erinnerung, „was erfülltes Leben ausmacht“. Jung: „Wir sehen es doch: Menschen können nicht gut miteinander leben, wenn sie einander nicht respektieren. Menschen können nicht gut miteinander leben, wenn sie darauf aus sind, einander zu hintergehen und zu betrügen. Menschen können vor allem nicht gut miteinander leben, wenn sie einander nach dem Leben trachten und töten, wenn sie Krieg führen.“ Die christliche Botschaft weise dagegen darauf hin, dass beispielsweise „die Sanftmütigen das Erdreich besitzen“, oder die „die Frieden stiften, Gottes Kinder heißen werden. Jung: „Wenn uns das etwas bedeutet, dann lasst uns eintreten für eine neue Kultur der Fürsorglichkeit, der Gerechtigkeit und des Friedens!“

Claudia Neumann: Bockstarke Reaktion statt Rumgeeiere

In ihrem Gastbeitrag bezeichnete die ZDF-Sportjournalistin Claudia Neumann die Reformation als wichtiges Datum in der Geschichte, das an das Thema Freiheit und Toleranz erinnerte. In ihrem Impulsvortrag zu den ethischen Herausforderungen rund um die am 20. November beginnende Fußball-WM in Katar plädierte sie dafür, die politische Dimension des Sports öffentlichkeitswirksam zu nutzen. Lange Zeit habe der Sport das Selbstverständnis verbreitet, „dass Sport und Politik zwingend voneinander zu trennen sind“, so Neumann. Diese These sei heute „glücklicherweise überholt“. Nach Ansicht Neumanns ist auch die „Reflexionsbereitschaft der Menschen erheblich größer geworden, auch weil junge Menschen heute deutlich mehr zu hinterfragen scheinen.“ Mit Bezug auf die WM in Katar sagte sie, dass sich in der Gesellschaft aber erst „peu á peu die Debatte um ein Land entfacht hätte, in dem systematisch Menschenrechte missachtet werden, in dem Leiharbeiter ausgebeutet werden, in dem Frauen einer sogenannten Kultur unterworfen sind, die sie defacto zu Menschen zweiter Klasse macht. Ein Land, in dem gleichgeschlechtliche Liebe unter Strafe steht, in dem es keine Presse-, keine Meinungs-, und keine Religionsfreiheit gibt.“ Einen „freundlichen Gruß“ in Sachen Reformstau bei den Frauenrechten adressierte sie unter dem Raunen des Publikums zugleich an die katholische Kirche. 

Aktiv zu Wort melden

Neumann plädierte dafür, dass sich angesichts politischer Fragen auch Sportlerinnen und Sportler aktiv zu Wort melden. Neumann: „Jahrzehntelang hat man Sportlerinnen und Sportlern eingebläut: ‚Haltet euch raus aus politischen Diskussionen – konzentriert euch auf eure Kernkompetenz, den Sport‘“. Diese Haltung bröckele seit Jahren. Exemplarisch seien hier die US-Amerikanerinnen – und amerikaner, die seit Jahren in Fragen der Benachteiligung infolge der Hautfarbe „laut und kraftvoll für Gleichberechtigung kämpfen“. Für Neumann bleibe die „Strahlkraft der Sports“ ungebrochen. Neumann: „Erinnern wir uns an Leon Goretzka und sein ‚Herz-Symbol‘ im Spiel gegen Ungarn bei der vergangenen EM. Eine Antwort auf die homophoben Fangesänge der ungarischen Anhängerschaft. Und, eine bockstarke Reaktion auf das wachsweiche Rumgeeiere der damaligen DFB-Verantwortlichen in der Causa ‚Münchner Arena in Regenbogenfarben‘“.

Zur Person:  Claudia Neumannn

Die ZDF-Sportmoderatorin Claudia Neumann beleuchtete in ihrem Gastbeitrag die Situation im Profisport unter dem Titel „Fußball: Zwischen Leid und Seligkeit“. Zuletzt äußerte sie sich in einer Arbeitshilfe der evangelischen Kirche zum Fußball und schrieb, dass „diese WM aus journalistischer Sicht die politischste wird, die es je gegeben hat.“ Claudia Neumann schrieb Fernsehgeschichte: 2016 kommentierte sie bei der Fußball-EM in Frankreich als erste Frau im deutschen Fernsehen Spiele der Männermannschaft. Dies löste hierzulande eine nie dagewesene Welle an Beschimpfungen und in der Folge eine bundesweite Sexismus-Debatte aus. Das ZDF blieb unbeeindruckt und setzt Neumann bis heute bei Liveübertragungen großer Fußballturniere ein. 2020 erschien Neumanns Buch „Hat die überhaupt 'ne Erlaubnis, sich außerhalb der Küche aufzuhalten? -  Wie ich lernte, das Leben sportlich zu nehmen“, in dem Neumann die Hetze in sozialen Netzwerken und ihren eigenen Lebensweg als Sportjournalistin in einer Männerdomäne thematisiert. Zuletzt erhielt sie 2021 den Marie-Juchacz-Preis des Landes Rheinland-Pfalz für ihre Verdienste um die Gleichstellung von Frauen.

Peter Kohlgraf: Gemeinsam um Frieden ringen

In seinem Grußwort erinnerte der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf am Montagabend an die Reformation als „Wegscheide des Christentums“. Er sei dankbar dafür, dass „uns als Christen verschiedener Konfessionen heute viel mehr bewusst ist: Wir sind zu einem gemeinsamen Ziel unterwegs, zu Jesus Christus, auch wenn wir in manchem unterschiedliche Wege gehen mögen“. Angesichts der aktuellen Situation beschäftiget ihn ebenfalls besonders das Wort Jesu der Bergpredigt: „Selig, die Frieden stiften“. Kohlgraf: Dass wir uns gemeinsam darum mühen, Friedensstifter zu sein und dem Frieden zu dienen, auch das eint uns und möge uns in diesen Zeiten besonders verbinden, gerade im Ringen, um das, was wirklich Frieden stiften kann. Sich nicht an Waffen und Gewalt zu gewöhnen, die Sehnsucht nach Frieden wachzuhalten und aktiv Frieden vorzubereiten und zu gestalten – das sehe ich im Moment als einen wichtigen, gemeinsamen Auftrag von Christen.“

Birgit Pfeiffer: Reformation und ihre Impulse weitertragen

Die Präses der hessen-nassauischen Kirchensynode, Birgit Pfeiffer, sagte am Montagabend, dass die Reformation und ihre Impulse weitergehen müssten. Es sei wichtig, weiter Kirche „mitten in der Gesellschaft und ihren Herausforderungen“ zu sein. Als Beispiel nannte sie die bevorstehende Fußball-WM. Mit diesem Ereignis verbunden seien viele Fragen wie etwa „nach den Frauen- und Menschenrechten, nach der Sorge um gerechte Arbeitsverhältnisse, die Angst um die Zukunft der Energieversorgung, die Rolle globaler Finanzsysteme und Tragfähigkeit geopolitischer Strategien“. Deshalb sei es wichtig, dass sich die Kirche wenige Tage vor dem Anpfiff auch mit dem auf den ersten Blick fernliegenden Thema Fußball-Weltmeisterschaft auseinandersetze.

Reformationsgottesdienst in Mainz mit viel Musik

Den Reformationsgottesdienst gestalteten neben Kirchenpräsident Volker Jung unter anderem Hessen-Nassaus Stellvertretende Kirchenpräsidentin Ulrike Scherf sowie Mitglieder der Christuskirchengemeinde. Zudem waren der Bachchor und das Bachorchester Mainz unter der Leitung von Erik Grevenbrock-Reinhardt mit Werken von Johann Sebastian Bach zu hören. Die Orgel spielte Hans-Joachim Bartsch. Die Präses der hessen-nassauischen Kirchensynode Birgit Pfeiffer moderierte die Feier nach dem Gottesdienst.

Hintergrund: Reformationstag

Am 31. Oktober erinnern Protestantinnen und Protestanten in aller Welt an den Beginn der Reformation und die Gründung der evangelischen Kirche vor über 500 Jahren. Am Tag vor Allerheiligen 1517 brachte der Mönch und Theologieprofessor Martin Luther seine 95 Thesen zu Ablass und Buße in Umlauf. Der Überlieferung nach soll er seine Ideen in lateinischer Sprache auch an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen haben, um eine akademische Diskussion auszulösen. Damit leitete Luther die Reformation der Kirche ein. Seit 1994 veranstaltet die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau einen Festakt anlässlich des Reformationstags. Bei der Feier blickt stets auch eine bekannte Persönlichkeit mit einem besonderen Fokus auf das protestantische Leben in der Gesellschaft. Bislang zählten unter anderem der frühere DDR-Ministerpräsident Lothar de Mazière, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, oder der Filmregisseur Nico Hofmann zu den Referenten.

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