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Zwei Jubiläen für die Grüninger Kirche

Ein Bauwerk mit außergewöhnlichem Innenleben

StenderSie freuen sich auf zwei Jubiläen: Hildegard Juncker,Pfarrer Matthias Bubel, Martin Noack und Werner BenderSie freuen sich auf zwei Jubiläen: Hildegard Juncker,Pfarrer Matthias Bubel, Martin Noack und Werner Bender

21. April 1669. Dieses Datum steht auf einem zentralen Stützbalken in der Grüninger Kirche. Der 21. April 2019 ist der Ostersonntag. Mit einem Festgottesdienst feierte die evangelische Kirchengemeinde an diesem Tag das 350. Jubiläum der Wiederrichtung des Kirchenschiffs nach dem 30jährigen Krieg.

Bildergalerie

Auf die Inschrift dieses Balkens bezieht sich das 350jährige Jubiläum Zwei Chöre hat die Grüninger Kirche 2020 feiert Grüningen den Paul-Hutten-Chor mit seinem prächtigen Kreuzgewölbe
StenderDas Logo des DoppeljubiläumsDas Logo des Doppeljubiläums

Das ist nicht das einzige Jubiläum, auf das sich die Mitglieder des Kirchenvorstands freuen. 2020 ist es 500 Jahre her, dass der Paul-Hutten-Chor der Kirche geweiht wurde. Beide Jubiläen weisen auf die wechselvolle Geschichte des weithin sichtbaren Sakralbaus in der Mitte des Pohlheimer Ortsteils hin. Diese Geschichte spiegelt sich in den unterschiedlichen Bauteilen des Gebäudes wieder.

Von außen sieht man der Grüninger Kirche nicht an, welches außergewöhnliche Innenleben sich hinter den trotzigen Steinmauern des Gotteshauses verbirgt. Wer in einer der Kirchenbänke Platz nimmt und in Richtung von Altar und Kanzel schaut, schaut in zwei Chorräume, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Links fällt der Blick in einen eher dunklen Raum mit einem Altar an der Rückwand. Er stammt aus der frühesten Zeit des Gebäudes. Der rechte Chor zeigt im Licht großer gotischer Fenster frühbarocke Pracht. Besonders auffällig ist die Decke mit den mit Blätterranken bemalten Flächen zwischen dem Kreuzgewölbe.

Der linke Chor stammt aus der frühesten Zeit der 1151 erstmals urkundlich erwähnten Kirche. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts bekommt die Kirche einen Turm; Anfang des 16. Jahrhunderts wird wieder gebaut: Die Kirche der noch jungen Stadt Grüningen wächst nach Süden hin auf doppelte Größe, die Naht an der Westwand ist heute noch zu erkennen. Der  Paul-Hutten-Chor entsteht als Reaktion auf die sich immer mehr durchsetzenden Ideen der Reformation. Paul Hutten, Sohn der Stadt Grüningen, ist Weihbischof in Erfurt und stiftet seiner Heimatstadt im Jahr 1520 den prächtig ausgestatteten Chor. Das hält die Reformation allerdings auch in Grüningen nicht auf. 1566 wird die Grüninger Gemeinde wie das gesamte Solms-Braunfelser Gebiet, auf dem sich die Stadt befindet, zunächst evangelisch-lutherisch. 1583 wechselt sie mit dem Übertritt des Grafen Konrad zu Solms-Braunfels zum calvinistischen Bekenntnis ebenfalls zur später „reformiert“ genannten protestantischen Konfession. Damals war die Religionszugehörigkeit keine individuelle Entscheidung. Die Konfession des Landesherrn war auch die der Untertanen.

Es ist anzunehmen, dass die vier Altäre – Katharinen-, Liebfrauen-, Dreikönigs- und Heiligkreuz-Altar - nach diesem Wechsel aus der Kirche verschwanden. Der Calvinismus verlangt einen schlichten Gottesdienstraum. Der Altar hat nur noch die Funktion eines Tisches, auf dem sich die Bibel befindet, deren Texte und ihre Auslegung in der Bibel das Zentrum des reformierten Gottesdienstes bilden. Der Tisch rückt also in die Mitte des Raums, an die Schnittstelle zwischen den beiden Chören. 1606 beschädigt ein Sturm das Kirchendach – eine Kleinigkeit gegenüber dem, was Grüningen im 30jährigen Krieg bevorsteht. Spanische Truppen brennen 1634 die nicht unwichtige Stadt nieder. Nur vier Häuser überstehen die Feuersbrunst, schreibt der Chronist. Wie wichtig den Grüningern ein Ort für ihre Gottesdienste ist, zeigt die Tatsache, dass der Paul-Hutten-Chor schon zwei Jahre später wieder überdacht ist. Allerdings dauert dieser Zustand nur zehn Jahre. Bei der erneuten Einnahme der Stadt 1646 wird das Dach zerstört und ein Teil der Inneneinrichtung verschwindet.

Die Aufbauleistung der Bewohner in der weitgehend zerstörten Stadt für ihre Kirche ist erstaunlich. Schon wenige Jahre nach dem Ende des 30jährigen Kriegs im Jahr 1648 ist 1656 der Turmhelm erneuert; seit 1651 läuten wieder drei Glocken – sie wurden aus den Resten der vier alten Glocken neu gegossen.  Finanziert wurden die Ausgaben zum großen Teil aus Kollekten, die in Frankfurt, Hanau, der Pfalz und sogar in der Schweiz eingesammelt wurden. Siedler aus der Schweiz, die in diesen Jahren nach Grüningen kamen, hatten vermutlich diese im wahrsten Sinne des Wortes wertvollen Kontakte hergestellt.

Die Inschrift am Stützbalken im Kirchenschiff belegt, dass das Gotteshaus 1669 wieder aufgebaut wurde. Dort steht: „ANNO 1669 DEN 21. APPRIL AUFFGERICHT HANS JACOB HUBELER W.M. (=Werkmeister)Und so kann die Gemeinde in diesem Jahr ein Jubiläum feiern: 350 Jahre ist die Wiedererrichtung des Kirchenschiffs her. Und 2020 feiern sie gleich weiter. Dann blickt der Paul-Hutten-Chor auf eine Geschichte von 500 Jahren zurück. 

Seine äußere Form hat das Gotteshaus seit 350 Jahren behalten. Im Innenraum gab es aber immer wieder Veränderungen. So weiß man, dass seit 1696 eine Orgel den Gesang der Gläubigen begleitet. Die Männerbühne im Paul-Hutten-Chor wird 1716 eingebaut. 1834 gab es einen neuen Innenanstrich. 1858 werden die Seitenwände erneuert und mit neuen Fenstern versehen; das runde Ostfenster wird zugemauert.

Größere bauliche Veränderungen erforderte die Erweiterung der Orgelempore im Triumphbogen des Chorturms für eine neue, größere Orgel im Jahr 1881. Für diese Empore musste der Pfarrstuhl aus dem südlichen Chor unter die Orgel verlegt werden. Vor den nördlichen Triumphbogen setzten die damaligen Bauherren einen hölzernen Verschlag und die Kanzel erhielt ihren heutigen Platz zwischen den beiden Chören. Eine Brüstung unter der Empore im Südchor verschwindet ebenso wie das hölzerne Gitterwerk beim Altar. Und schließlich wird der Innenraum neu gestrichen.

Nach einer Außenrenovierung 1893 muss 1912 der Kirchturm repariert werden. Im nächsten Jahr geht es innen weiter. Beim Neuanstrich sind die Maler Velte aus Nieder-Ramstadt und Kienzle aus Eberstadt kreativ. Sie malen die Deckengewölbe im Paul-Hutten-Chor neu aus und versehen die Brüstungen vor den Bänken im Kirchenschiff mit dunklen Ranken und floralen Motiven. Die Orgel wurde zuvor auf die Westempore geschafft und die erst 1881 eingebaute Holzwand vor dem Turmchor wird wieder abgerissen. Im Paul-Hutten-Chor wird das Rosettenfenster wieder freigelegt. Die anderen Fenster erhalten Maßwerk oder werden erneuert. Seit dieser umfassenden Renovierung, bei der auch die Rankenmalereien mit dem Solmser Löwen im nördlichen Chorfenster freigelegt wurden, besitzt die Kirche auch eine Umluftheizung.

Seitdem sind immer wieder kleinere und größere Reparaturen und Renovierungsarbeiten nötig gewesen. So gab es 1966 eine neue Warmluft-Ölheizung. Ein Jahr später musste der Schiefer am Kirchturm erneuert werden. Zwischen 1980 und 1986 wurden die Kirchenfenster instand gesetzt, zwei neue Türen eingebaut. Der Schiefer am Kirchturm musste schon wieder erneuert werden und der Innenraum renoviert. Dabei wurde das Netzgewölbe im Paul-Hutten-Chor durch Beton und Stahlanker verstärkt.

Nachdem 1990 die Turmspitze mit Kugel und (vergoldetem) Hahn erneuert worden war, war 2012 das gesamte Kirchendach „fällig“. Feuchtigkeit hatte die Enden der Dachbalken und den oberen Mauerabschluss beschädigt. Mit viel Engagement und Kreativität sammelte die Kirchengemeinde 200.000 Euro ein – ihr Beitrag zu den Baukosten von rund einer Million Euro. Mit der Sanierung und Neueindeckung des Paul-Hutten-Chors 2017 präsentiert sich das Gotteshaus für die beiden Jubiläen in einem vorbildlichen Zustand, der in einem Flyer und einem reich bebilderten Heft noch im Sommer 2019 den Besucherinnen und Besuchern präsentiert werden soll. 

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