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Mail aus Tokio - die dritte

Die Speisung der 62 Tagelöhner

ApelDas Team von Marias Speisesaal in TokioDas Team von Marias Speisesaal in Tokio

Seit dem 1. Oktober lebt Ökumenepfarrer Bernd Apel im Studentenwohnheim des "Tomisaka Christian Center" im Tokioter Stadtteil Bunkyo. In seiner dritten Mail aus Tokio stellt er ein vorbildlisches diakonisches Projekt der "Vereinigten Kirche Christ in Japan" vor.

Die Speisung der 62 Tagelöhner

Pfarrer Okada und ich fahren mit der U-Bahn in den Tokioter in den Tokioter Stadtteil Sanya. Und schon gleich hinter dem Bahnhof wird sichtbar, dass der ein Zuhause eher der „kleinen Leute“ ist:  höchstens dreistöckige Häuschen mit mehreren Wohneinheiten, 100 Yen (= „1 €“)- Läden, Fahrräder statt Autos auf den schmalen Sträßchen, ein öffentlicher Waschsalon mit angerosteten Maschinen, eine aufgegebene(!) evangelische und eine heruntergekommene katholische Kirche und auffallend viele Billighotels.

Marias Speisesaal

Nach kurzem Fußweg stehen wir in einer Gasse vor dem winzigen Häuschen des „Maria Shokudou“ („Marias Speisesaal“) – Projekts. Zwei Glasfenster mit Darstellungen der „Kreuzigung“ und des „Letzten Abendmahls“ bringen dessen Sinn und Zweck zum Ausdruck. Das Häuschen war nie ein Kirchengebäude, sondern in der 1970er Jahren die „Missionsstation“ des damals frisch vom Theologischen Seminar gekommenen und heute 77 Jahre alten Pfarrers Kikuchi. Der stellt sich kurz nach unserem Kommen ein und erzählt uns:

Tagelöhner-Treffpunkt

Sanya war früher eine eigenständige Stadt und als Ort eines Bahnhofs Ri. Nord-Japan schon immer ein Treffpunkt für die „Tagelöhner“. (Im 19. Jahrhundert hätte man die in Asien „Kulis“ genannt und noch heute gibt es im Japanischen einen abwertenden Begriff für sie.) Besonders in den 1960-er Jahren boomte dann der Arbeitsmarkt, u. a. für die Olympischen Spiele oder den Wohnungsbau. In Sanya entwickelte sich ein „Business“ von Arbeitsangebo-ten morgens bzw. tagsüber und billigen Unterkünften am Abend, was weitere Zuzügler anlockte. Älter und/oder kränker werdend sowie oft mit gebrochenen oder nie zustande gekommenen Familienbeziehungen, fanden die Arbeiter hier eine gewisse „Heimat“. So wurde Sanya aber nach und nach auch zu einen „sozialen Brennpunkt“ – ohne dass je Kriminalität oder Drogen wirklich Einzug gehalten hätten und heute auch „normale“ („kleine“) Leute hier wohnen.

Missionieren mit den Händen

Pfarrer Kikuchi wollte damals „missionieren“, merkte aber bald, dass er dies nicht von irgendeiner Kanzel aus tun konnte, sondern „Mission mit den Händen“ gefragt war: eine Armenspeisung bzw. eine „Suppenküche“ auf christlicher Grundlage. Biblische Bezüge sieht er in den Geschichten vom „Verlorenen Sohn“ oder der „Speisung der 5000“. Und das Label „Maria“ steht für nichts „Katholisches“, sondern für die Mutterliebe der Mutter Jesu bzw. für christliche Nächstenliebe (sozusagen „Essen wie bei Muttern“). Seit den 1990er Jahren bzw. der fortschreitenden Globalisierung auch der „3 D-Arbeit“ („dirty“, „dangerous“, „dark“ – dreckig, gefährlich, hart) sind die nun älteren einheimischen Tagelöh-ner unter dem Druck ausländischer und billiger(er) Konkurrenten bzw. werden von diesen verdrängt. Dazu kommen die Inflation des Yen, so dass etwaiges Erspartes verlorenging sowie die Urbanisierung: junge, „hungrige“ Japaner vom Land verstärken die Konkurrenz in Tokio nochmals. Ähnliche Speisesäle gibt es in ganz Japan bis heute (nur) fünf.

Warme Mahlzeit statt Alkohol

Kikuchi wollte mit „Marias Speisesaal“ auch verhindern, dass die Arbeiter ihren baren Tageslohn abends gleich in Alkohol umsetzen, sondern besser wenigstens eine warme Mahlzeit am Tag haben. In den 1990ern gab es dann einige Vorkommnisse von Attacken durch psychisch Kranke, sodass er zum Schutz der Mitarbeitenden statt im Speisesaal in dem Häuschen nun die Ausgabe der Essen auf die Straße hinaus eben durch die beiden Glasfenster organisierte. Inzwischen gibt es für die Arbeit in der Küche (schon vormittags muss ja vor allem der Reis gekocht oder am Abend noch gespült werden) und die Ausgabe ca. 80 Freiwillige, überwiegend Frauen bzw. Ruheständler, sogar welche mit zuweilen 50 km Anfahrt! Aber auch sie werden älter und ein wenig steht die Frage im Raum, wie es nach der „Generation Kikuchi“ weitergeht. Die Lebensmittel erhält M. S. durch Spenden aus ganz Japan oder spendenfinanzierten Zukauf – so etwas wie „Tafeln“ sind hier noch kaum existent. (s. auch die Verpackungsregeln bei dem oft schwülen Wetter). Auch einige Second-Hand – Kleidung hängt im Ausgaberaum und wird zuweilen einfach verschenkt.

Einige aktuelle Zahlen:

  • Staatlich festgelegter Mindestlohn bei Vertragsarbeit: 30.000 Yen im Monat = ca. 255 €
  • Vertragsarbeit gibt es aber nur ab 20 Arbeitstagen im Monat, etwa 40 % der japanischen Arbeitnehmer arbeiten daher ohne Vertrag!
  • Guter Tagesverdienst für einen Tagelöhner: 8.000 Yen = ca. 67 €
  • Ein warmes Abendessen bei M. S.: 130 Yen bis 300 Yen = ca. 1 bis 2,50 €
  • Eine Nacht in einem Billighotel: 2.200 Yen (bzw. 30.000 Yen im Monat) = ca. 18 € (Heutzutage werden diese leider auch von Billigtouristen genutzt, die sich Tokio sonst nicht leisten könnten…)
  • Kundenzahl bei M. S.: maximal 150-200 pro Abend (von 16.30 bis 18.30 Uhr)

 

Ab 16.30 sind wir beide dann zuerst Zuschauer bei der Essenausgabe und helfen später – Pfarrer Kikuchis Vorschlag und Bitte folgend - für ca. eine Stunde dabei mit. Heute ist ein Team von vier Personen da: zwei erfahrene japanische Frauen – eine davon ist quasi die Koordinatorin der Schichten, eine junge japanische Frau als „Ersthelferin“ und eine (mit einem Japaner verheiratete) Deutsche und als Katholikin schon länger bei M. S. dabei. Solche Ökumene ist hier selbstverständlich! An manchen Tagen werden bis zu 10 „Volunteers“ gebraucht“. Praktisch läuft dies so ab:

Der gekochte Reis und die Zusatz-Gerichte in geschätzter Stückzahl werden in Styropor-Kästen auf einem Tisch warm- bzw. bereitgehalten. 4 verschiedene Gerichte stehen zur Auswahl und werden exemplarisch bzw. demonstrativ – wie hier im Land üblich – fertig in Plastik verpackt (als „Bento“) in das linke Fenster hineingestellt und die Preise darüber ausgehängt; die davor Anstehenden nennen ihren Wunsch, bezahlen, die Bestellung wird auf einem Zettel notiert, laut diesem am Tisch zusammengestellt, nach vorne gereicht und am rechten Fenster ausgegeben. Nach Beendigung unseres „Dienstes“ sind wir immerhin bei „Kunde“ Nr. 63 heute und ich kann Pfarrer Kikuchi und seinem Team nur meine Hochachtung aussprechen.  

 

 

 

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